Sonntag, 11. November 2007

Vortrag im Pfarrheim Haaren

Katrin Sijbom aus Haaren, ehemalige Schülerin des Liebfrauengymnasiums Büren, hat bis Juli ein Jahr als Missionarin auf Zeit bei den Schwestern "Unserer Lieben Frau" in Njiro/Arusha in Tanzania verbracht.
Sie hat dort eng mit den Schwestern und den Menschen zusammen gearbeitet und viel erlebt. Knapp drei Monate nach ihrer Rückkehr wird die Missionarin über ihre Eindrücke am Samstag, 17. November nach der Vorabendmesse, etwa 17:45 Uhr, in einem Vortrag im Pfarrheim in Haaren berichten. Hierzu sind alle Interessierten eingeladen. Sie will über die Arbeit und die Mission berichten, über das alltägliche Leben und Themen wie Aids und Armut.
Ein Jahr war Katrin Sijbom aktiv an der Mission beteiligt, war in Selbsthilfegruppen für Frauen tätig, hat in Englisch Nachhilfe gegeben und als Klassenlehrerin 42 Kinder in einer der ärmsten Gegenden Arusha´s unterrichtet.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Vortrag im Liebfrauengymnasium Büren

Liebe Freunde, Bekannte, Verwandte und Interessierte,
liebe Leser,

endlich ist es soweit!!!

Neben meinen Jobs und den Vorbereitungen fürs Studium,
das ich im April beginnen werde, habe ich Zeit für
meine Nachbereitung gefunden! D.h. ich schreibe eifrig
an meiner Reflexion und bereite mich auf Vorträge über
meine Zeit in Tansania vor.
Mit Hilfe der Vorträge möchte ich euch meine
Erfahrungen noch einmal näher bringen und nicht nur
über die Arbeit und die Mission berichten, sondern
auch auf das alltägliche Leben eingehen und was es
heißt als weiße Frau in Tanzania zu leben. Hilfreich
sind hierbei sicherlich die Fotos, die mein Erlebtes
zumindest ein bisschen realistischer und auch
interessanter machen!
Meinen ersten Vortag habe ich am 02. Oktober beim
Senioren – Nachmittag in Haaren gehalten – weitere
Vorträge sind in Planung; u.a. auch noch einmal in
Haaren, vielleicht in der Kirche oder im Pfarrheim, wo
der Termin allerdings noch nicht feststeht.
Weil ich oft darauf angesprochen wurde, möchte ich nun
alle, die nicht länger warten wollen oder aber denen
der Weg bis nach Haaren zu lang ist, einladen, am 07.
November ins Liebfrauengymnasium nach Büren zu kommen,
denn dort werde ich um 19.30 Uhr für alle, die
interessiert sind, einen Vortrag halten!
Ich würde mich freuen viele bekannte Gesichter zu
sehen!
An dieser Stelle wünsche ich euch alles Gute für
Studium oder Beruf! Ich hoffe ihr alle könnt eure
Träume verwirklichen, so wie ich meinen Traum Tanzania
verwirklicht habe!
Ganz liebe Grüße, Katrin

Hinweis: Anfangszeit von 20:00 Uhr auf 19:30 Uhr geändert 26.10.07

Freitag, 7. September 2007

Rundmail Nr. 5a aus Njiro/Arusha

Liebe Familie, Freunde, Verwandte, Bekannte – liebe Leser,

vielleicht wundert ihr euch, dass euch nach nur kurzer Zeit mein 5. Rundbrief schon wieder erreicht, denn sonst lasse ich mir ja immer so viel Zeit, bis ich mal wieder ein Lebenszeichen von mir schicke...Dies hat einen ganz einfachen Grund: Mir bleiben leider nur noch ganz wenige Wochen bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland; wirklich ganz wenige; eigentlich kann ich schon die Tage zählen...Der Gedanke an eine baldige Rückkehr spaltet meine Gefühle: natürlich freue ich mich darauf Freunde und Familie wiederzusehen, an ein paar alte Gewohnheiten anzuknüpfen oder endlich mit dem Studium beginnen zu können, doch auf der anderen Seite macht mir dieser Gedanke Angst; ich bin gerade mitten drin: mitten in der Arbeit, mitten unter den Menschen, mitten im Leben...Ich übernehme bei der Arbeit viel Verantwortung und sehe mich als Teil der Mission; ich habe bei den Schwestern das Gefühl Teil einer Familie zu sein; ich habe mir einen Freundeskreis aufgebaut; ich habe mich mit der Kultur identifiziert; ich werde endlich von den meisten als Teil der Gesellschaft akzeptiert, als weiße Afrikanerin (so wie sich manche ausdrücken) und nicht mehr immer nur als „Mzungu“ bezeichnet – es war wirklich ein langer Weg bis zur jetzigen Situation und dann soll ich das alles schon wieder verlassen? Ich muss mich langsam an den Gedanken gewöhnen schon wieder Abschied nehmen zu müssen, ohne zu wissen, wann ich wiederkommen werde...Ich komme mir vor, als wenn ich aus allem ein wenig herausgerissen werde...Hinzu kommt, dass die Zeit rennt. Jeder Tag scheint schneller zu Ende zu gehen als der vorherige; dabei habe ich doch noch so viel vor, so viele Dinge zu erledigen, so viel zu lernen...Ich fühle mich ein bisschen als wenn ich unter Zeitdruck stehen würde; das ist auch der Grund warum dieser Rundbrief euch so schnell erreicht: mir bleibt nur noch ganz wenig Zeit hier und ich möchte euch noch so viel von hier erzählen, wie es eben geht...
Heute erzähle ich ein wenig über das Bildungssystem in Tansania, über das ungeliebte Thema HIV/Aids, das man nicht ignorieren kann und nicht ignorieren darf, und über das, was ich seit Januar hauptsächlich mache: unterrichten!

Bildungssystem:

Bevor ich meine persönlichen Eindrücke schildere, fange ich erst einmal mit ein paar Fakten an: In Tansania gibt es die Schulpflicht, d.h. jedes Kind „muss“ – vielleicht sagen wir lieber sollte – die siebenjährige Primary abgeschlossen haben, der ein dreijähriger Nursery Besuch vorausgeht.
„Nursery“ ist in etwa mit unserem Kindergarten zu vergleichen; obwohl, wenn ich mal ganz ehrlich bin, dann kann man nur das Alter der Kinder vergleichen, nicht aber die „Inhalte“. Danach kommt die 7-jährige Primary, in etwa wie bei uns die 4-jährige Grundschule. Nach dem die Kinder die Primary abgeschlossen haben, fangen sie entweder eine Ausbildung an (Ja, richtig, hier ist ein Besuch der weiterführende Schule nicht Pflicht und somit keine Voraussetzung für eine Ausbildung; die häufigste Ausbildung ist die des Schneiders, sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen, in der Stadt findet man Hunderte, die am Straßenrand mit ihren Maschinen sitzen und Kleidung nähen) oder führen ihre Schullaufbahn auf der Secondary fort. Die Secondary gliedert sich in zwei Teile: der erste Teil besteht aus den Stufen „Form 1“ bis „Form 4“; nachdem man die Prüfungen der „Form 4“ bestanden hat, kann man die Secondary verlassen, ist aber nicht berechtigt an einer Universität zu studieren. Möchte man an einer Universität studieren, so verlässt man die Secondary erst nach Abschluss der „Form 6“.
Obwohl heutzutage die Schulpflicht sehr ernst genommen wird, gehen bei weitem nicht alle Kinder zur Schule, viele Familien können es sich einfach nicht leisten, obwohl es auf den Government Schools keine direkte Schulgebühr gibt. Hinzu kommt, dass sehr viele Kinder erst sehr spät zur Schule geschickt werden, so dass man manchmal große Altersunterschiede in den Klassen findet. Die Analphabetenrate ist leider immer noch erschreckend hoch, sie liegt bei rund 29%.
Ich kenne eine Frau, die sich bis jetzt 54 Jahre durchs Leben geschlagen hat, ohne eine Schule besucht zu haben, ohne auch nur ein Wort schreiben zu können.
Eine andere Freiwillige, die in USA River lebt und in einer Nähschule Englisch unterrichtet, hat angefangen einigen Mädchen eine Art Analphabeten Kurs zu geben, denn im Laufe der Zeit hat sie gemerkt, dass einige von ihnen weder Schreiben noch Lesen können. Es ist wirklich eine traurige Angelegenheit.

Aber nun zurück zur dreijährigen Nursery: entweder wählt man den klassischen „Chekechea“ (das Kiswahili-Wort für Kindergarten) oder aber einen Nursery-Kindergarten, wo entsprechend der Montessori Technik gearbeitet wird – diese Nurseries sind meistens privat...(Montessorikindergarten gibt es auch in Deutschland und für alle, die mehr zu den Inhalten wissen wollen, können sich ganz einfach im Internet informieren; es würde zu weit führen, wenn ich an dieser Stelle darauf eingehen würde)
Im staatlichen Chekechea werden die Kinder auf die erste Klasse der Primary vorbereitet, d.h. sie lernen schreiben, rechnen und ein bisschen Englisch – eigentlich all das, was wir in Deutschland entweder zu Hause lernen oder in der ersten Klasse. Da die Kinder hier diese Dinge nicht von zu Hause mitbekommen, sitzen die Kleinen mit ihren gerade mal drei Jahren wirklich in der Schule, auf der Schulbank, mit Heften und Stiften – ich habe wirklich lange gebraucht, bis ich mich an dieses Bild gewöhnt hatte...
Die Primary Schools unterscheiden sich ganz stark in ihren Unterrichtsformen und in der Qualität der Bildung und Erziehung, je nach dem, ob es eine private English Medium School ist oder aber eine ganz normale Government School (staatlich).
Diejenigen, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf eine private English Medium School. Die Schulgebühren für die privaten Schulen variieren von Schule zu Schule. Auf den Government Schools wird keine Schulgebühr verlangt, lediglich ein kleiner Beitrag „Materialgebühr“ für Bücher usw. Im ganzen Land tragen die Kinder Schuluniform – dieses ist Pflicht. Auch hier sind die privaten Schulen wieder freier, denn sie können sich aussuchen, welche Uniformen ihre Schüler zu tragen haben. Auf den staatlichen Schulen besteht die Uniform für Jungen aus einer beigen Shorts, einem weißen Hemd und einem grünen Sweater. Die Mädchen tragen einen grünen Rock, eine weiße Bluse und einen grünen Sweater. Für alle gilt natürlich: weiße Socken, schwarze Schuhe.
Fast alle Schüler, die ihre Primary auf einer privaten Schule abgeschlossen haben, führen ihren Weg auf der Secondary fort – oftmals auch privat. Wie oben schon erwähnt sind die Unterrichtsinhalte qualitativ sehr gut und auch die Art des Unterrichts kann man mit der unseren vergleichen, d.h. individuelle Förderung ist sehr wichtig, schwächere Schüler z.B. werden sehr unterstützt und nicht vergessen; außerdem wird viel Wert auf Selbstständigkeit gelegt und es wird viel mit Plakaten und „Material zum Anfassen“ gearbeitet, eine Abwechslung zu den trockenen Büchern. Hinzu kommt, dass z.B. bei den Schulen der Notre Dame Sisters alle Schüler auf „Häuser“ verteilt sind, d.h. die Schüler werden in Gruppen eingeteilt und stehen den Häusern entsprechend im Wettbewerb, denn für die Leistungen, für sonstige Kriterien wie Benehmen, Verhalten bei Gruppenarbeit usw. und bei schulinternen Aktivitäten wie dem Sportfest, dem Spelling Contest (Buchstabier Wettbewerb) oder dem Elocution Contest (wieder eine Art Wettbewerb, bei dem die Kinder eine gelernte Geschichte aufsagen müssen) gibt es Punkte. Da natürlich jedes Haus ganz vorn stehen will, ist dieses Haussystem noch einmal ein Anreiz gute Leistungen zu erbringen. Aber es ist auch eine Chance den Kindern Gemeinschaftsgefühl und Gruppenarbeit beizubringen und die Kleinen lernen von ihren Vorbildern den Großen, denn in jedem Haus befinden sich Kinder aus jeder Klasse, auch die kleinen Montessori Schüler mischen schon mit.
Neben Englisch, Mathematik, Kiswahili, Sociel Studies (soziale Studien) und Science (Wissenschaften) bieten einige Schulen auch Sportunterricht, Religion oder - ganz selten – eine weitere Fremdsprache an. Ein großer Unterschied zu den Government Schools (und auch zu den unseren) ist, dass komplett auf Englisch unterrichtet wird. Die Kinder hier in Tansania, sofern sie eine private Schule besuchen, lernen sehr früh ein wirklich gutes Englisch und haben dadurch sehr viele Vorteile im späteren Leben.
Wie ich in meinem vorherigen Rundbrief schon erwähnt hatte, haben auch die Schwestern eine solche English Medium School, die „Notre Dame School“. Eine wirklich sehr angesehene Schule, die Kinder optimal auf ihre Zukunft vorbereitet und die neben qualitativem Unterricht auch sehr viel Wert auf die Weitergabe von moralischen Werten legt. (Die Schüler der Notre Dame School tragen übrigens eine weinrote Uniform, sie sehen wirklich chic aus).
Kommen wir nun zu den Government Schools: dort wird in Kiswahili unterrichtet, Englisch ist neben Mathematik, Kiswahili und Wissenschaften (eine Mischung aus Biologie und Technik) ein gewöhnliches Fach, wie bei uns auch. Die Unterrichtsformen sind erschreckend. In einer Klasse findet man locker 70 oder 80 Schüler, individuelle Förderung gibt es da nicht. Oftmals kennen die Lehrer noch nicht einmal die Namen der Schüler. Das Unterrichten erinnert irgendwie an einen Arbeitsablauf in einer Fabrik mit „Massenproduktion“, wo jeder Arbeitsschritt der gleiche ist. „Frage – Antwort“ Situationen sind sehr selten; die häufigste Methode ist ein „Wiederholen im Chor“, d.h. die Schüler sprechen alles laut im Chor: das Gelernte, das, was an der Tafel steht, das Alphabet, das Einmal Eins – ständig hört man diese „Gesänge“ – wer nicht mitkommt, hat Pech gehabt.
Auch die Qualität der Unterrichtsinhalte ist sehr gering, vor allem im Bereich Englisch. Anfangs habe ich zwei Mädchen aus einer Government School Englisch-Nachhilfe gegeben und war wirklich überrascht, dass ich auf jeder Seite – wirklich jeder Seite - ihres Schulheftes Fehler entdeckt habe, die vom Lehrer aber als richtig gekennzeichnet wurden. Manchmal frage ich mich, ob die Kinder in der Government School überhaupt etwas Brauchbares lernen. Mittlerweile weiß ich aber, wo das Problem liegt: die Lehrer wissen es meistens selbst nicht besser und sind ganz einfach miserabel ausgebildet. Um hier als Lehrer tätig zu sein ist es nämlich nicht nötig ein Universitätsstudium zu absolvieren. Nein, es genügt die Secondary abgeschlossen zu haben, dann besucht man einen 12-monatigen „Teachers-Training-Kurs“ und schon ist man berechtigt an PrimarySchools zu unterrichten! Das hat mich sehr überrascht und überrascht mich immer noch; doch man muss bedenken: Tanzania und das Bildungssystem befinden sich noch mitten im Aufbau. Der Qualitätsstandard wächst nur langsam. Früher war es so, dass man gleich nach der Secondary ohne einen Kurs besucht zu haben an PrimarySchools unterrichten durfte, seit ein paar Jahren haben sie wenigstens schon mal einen „Pflicht-Teachers-Training-Kurs“ eingeführt und sicherlich wird sich der Standard weiterentwickeln und irgendwann führt der Weg zum Unterrichten wie bei uns auch nur über ein Universitätsstudium. Hinzu kommt, dass es momentan nur sehr wenigen Personen möglich ist, auch aufgrund der hohen Kosten, eine Universitätsstudium zuabsolvieren; würde man also jetzt schon die Bedingung einführen, dass ein Studium Pflicht ist um zu unterrichten, würden ganz einfach sehr viele Lehrer im Land fehlen. Also man sieht, solche Dinge brauchen Zeit; sie entwickeln sich; langsam aber sicher.
Eine andere „ganz normale“ Methode, um die Kinder zur Ruhe und Ordnung zu bringen: Schläge. Ganz klar. Neben dem Schulleiter und seinem Vertreter gibt es noch eine andere, hohe Autoritätsperson: den Discipline Master – von wirklich jedem Schüler gefürchtet. Es gibt zwei beliebte Schlagweisen, bei denen mit einem langen, stabilen Ast „gearbeitet“ wird: entweder bekommen die Schüler drei mal einen kräftigen Hieb auf die Innenseite der Handflächen (jawohl, beide zu gleich!) oder aber auf den Hinten. Beim letzteren beugen sich die Schüler entweder vornüber und stützen sich auf irgendetwas ab oder aber müssen sich auf die Schulbank legen; und wieder gibt es drei heftige Hiebe. Was hinzukommt: ich habe schon Lehrer gesehen, die während sie geschlagen haben, gelächelt haben. Vor allem der Discipline Master, als wenn es ihm eine tiefe, innere Befriedigung gibt. Kann man sich das vorstellen? In diesem Bericht steckt wirklich kein Stück Übertreibung, es sind meine eigenen Erlebnisse. Ich sehe es mit meinen eigenen Augen und fühle mich so hilflos. Man steht jedes mal wie betäubt daneben und kann es nicht fassen, dass sich so ein Mensch Lehrer nennt. Es ist erschreckend. Unmenschlich. Pervers.
In meinen Augen ist die Schulzeit eine der wichtigsten Zeiten im Leben einer jeden Person, in der Schule verbringt man den größten Teil seiner ersten 20 Lebensjahre. In der Schule wird man für das Leben vorbereitet. Die Schule ist der Ort, wo Dinge verändert werden können; in dem man Kindern moralische Werte beibringt, in dem man den Kindern zeigt, dass manches, was in der Vergangenheit geschah falsch ist, dass es andere Wege der Erziehung gibt als brutale Schläge. Die Kinder sind unsere Zukunft und wenn wir uns eine bessere Zukunft wünschen, voller Liebe, Frieden und Gewaltfreiheit, dann müssen wir diese Dinge unseren Kindern lehren. Ja, die Schule ist neben dem Elternhaus der einflussreichste Ort und dann sehe ich hier, dass für ein besseres Bildungssystem gekämpft wird, für mehr Gerechtigkeit usw., doch in der Gouvernement School sehe ich nichts von diesen Bemühungen. Wie kann man die Gesellschaft verändern wollen, wenn man nicht in der Schule anfängt? Wie kann man für Gewaltfreiheit plädieren, wenn den Kindern schon in der Schule beigebracht wird, dass Schläge etwas ganz normales sind? Und dass die Lehrer die Schüler schlagen ist ja nicht das einzige: auch die Schüler untereinander nehmen den Stock in die Hand, z.B. wenn der Prefect (so etwas wie Klassensprecher) dafür zu sorgen hat, dass die anderen Schüler ihre Arbeit erledigen. Er oder sie steht mit einem Stock in der Hand neben seinen Mitschülern und kontrolliert, ob sie ihre Arbeit erledigt haben, sei es das Putzen der Klassenräume oder das Bewässern des Gartens, und wenn das mal nicht der Fall ist, hat er oder sie das Recht den anderen zu schlagen...Es ist wichtig, dass Kinder lernen, das alles seine Ordnung haben muss, dass es immer Personen geben wird, die organisieren und andere, die die Arbeit ausführen. Doch es gibt andere Wege den Kinder dies beizubringen. In dem der Prefect das Recht hat seinen Mitschüler zu schlagen, werden sie, meiner Ansicht nach, automatisch in die Rollen des Überlegenen und des Untergeordneten geschoben, in die Rolle des Herrschers und des Sklaven, der die absolute Kontrolle über den anderen hat. Es gibt dem Prefect doch sofort das Gefühl, dass er etwas „Besseres“ ist...
Aber was kann ich als weiße Frau, als Freiwillige auf Zeit schon machen? Ich kann nicht einfach hingehen und eingreifen; immerhin wird es akzeptiert. Es ist „die Norm“ – auch wenn es von offizieller Seite „verboten“ ist. Solche Dinge kann man nicht von einen auf den anderen Tag ändern. Das weiß ich, es braucht Zeit und die privaten Schulen sind da bei weitem besser. Doch es schreckt mich immer wieder, wenn ich diese Dinge auf der Government School beobachte. Das einzige was ich machen kann, ist nicht so zu handeln...

"Building Hope"

in Kurusanga Primary School, Tanzania

Rundmail Nr. 5b aus Njiro/Arusha

Fortsetzung Teil 2 von Rundmail 5

Unterrichten im Village Lamara:


...und so sind wir beim nächsten „Thema“ in meinem Rundbrief angelangt:
Ja, es ist war, am 8. Januar 2007 bin ich in unserem LeMara Village Chekechea angefangen zu unterrichten und ich bereue keinen Tag! Wer hätte das gedacht, wo ich mich eigentlich immer gegen die Tätigkeit als Lehrerin gesträubt habe, zumindest habe ich immer gesagt, dass ich nie Lehrerin werden will; nun kann ich mir fast nichts Schöneres vorstellen, zumindest hier in Tansania macht es einfach großen Spaß. Nicht nur meine Einstellung zum Unterrichten hat sich geändert, auch meine Einstellung zum LeMara Village; ich zitiere ein paar Sätze aus meinem aller ersten, offiziellen Rundbrief:
„Es gibt auch noch eine dritte Schule der Schwestern in einem der Villages; sehr viel einfacher gehalten, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Scheiben in den Fenstern. Die erste Siedlung, die ich besuchte, war sehr verwinkelt und besteht aus vielen kleinen Wegen und Gassen. Die Häuser stehen eng aneinander, überall nimmt man einen unangenehmen Geruch war, eine Mischung aus Verbranntem, Urin und Erbrochenem (so kommt es mir zumindest vor). Die Häuser sind Lehmhütten, durch Hölzer und Äste gestärkt. Überall befindet sich Dreck und Müll. Es gibt weder Elektrizität noch fließendes Wasser, die Menschen dort leben in einem unmenschlichen, dreckigem Chaos, dem sie sich optisch im Laufe der Zeit angepasst haben. Die Kleider sind schmutzig, zerrissen oder einfach nur Lumpen. Hygiene ist aufgrund des fehlenden Wassers ein großes Problem und für manche ein Fremdwort; Krankheiten somit vorprogrammiert.“
Wenn ich diese Zeilen noch einmal lese, sehe ich, was für eine große Bedeutung „Zeit“ hat und wie sehr sich Sichtweisen den Erfahrungen entsprechend ändern können. Alles, was ich im ersten Rundbrief geschrieben habe, stimmt immer noch und ich sehe es immer noch so. Im LeMara Village gibt es unheimlich viel Armut, Krankheiten, Dreck und Misere; aber LeMara ist mehr: In LeMara spielt sich das typische, tansanianische Dorfleben ab. Denn man findet auf der einen Seite diese richtig armen, slum-ähnlichen Ecken, aber meistens, Gott sei Dank, kleine Häuschen, ein oder zwei Räume, entweder aus gebrannten Ziegelsteinen oder aus Erde, Schlamm und Baumstämmen gebaut, vereinzelt mit Strom, aber ohne fließendes Wasser und in einfachsten Bedingungen, doch so hat jede Familie, auch wenn alles sehr einfach und klein ist, ihr „Eigentum“ und das in einem unbeschreiblichen Paradies der Natur: überall Pflanzen, Pflanzen, Pflanzen; Bananenbäume, so weit das Auge reicht...Dass es dort nur in ganz wenigen Fällen fließendes Wasser gibt (nur die großes Häuser der Reichen besitzen diesen Luxus), ist für mich normal geworden. Man macht einen Spaziergang durch das Dorf und findet Frauen, die an kleinen Ständen Gemüse verkaufen oder Mais rösten; junge Männer und Frauen, die im Feld arbeiten; Kinder spielen ausgelassen auf den Wegen; hier und da wird gebaut; Mädchen kommen von den öffentlichen Wasserhähnen (leider nicht umsonst) und bringen Wasser nach Hause – in 20 L Eimern, auf ihren Köpfen tragend wohl gemerkt -; andere findet man am Fluss sitzend Wäsche waschen...Hin und wieder findet man einen Kiosk (die „Dorfsupermärkte“, wo man aber alles bekommen kann) oder die ein oder andere „Bar“ – ein paar Plastikstühle, umrandet von Matten aus Kokosnussholz als Sichtschutz, ein bisschen Musik und Soda (Cola, Sprite und Co) und eine fröhliche Stimmung...Überall wird man freundlich begrüßt, hier und da wird ein Pläuschen gehalten und man geht weiter, zwischendurch kommen einem lachende Kinder aus der Schule entgegen und mir wird klar: ich liebe das Leben im Village LeMara! Es ist so einfach, doch die Menschen sind glücklich, lassen sich nicht unterkriegen und akzeptieren mich. Seit dem ich angefangen habe in LeMara zu unterrichten, bin ich ein Teil des Dorfes geworden, zwischendurch habe ich sogar mit dem Gedanken gespielt bei den Schwestern auszuziehen, ganz einfach, weil ich das Leben in diesem Village so liebe und noch mehr daran teilhaben möchte; sollte ich einmal zurückkehren, wird mein erster Weg dorthin sein!
Also, man sieht wirklich, wie sich Sichtweisen und Einstellungen im Laufe der Zeit ändern können. Doch, ich muss auch sagen, es war ein hartes Stück Arbeit, um bei der Situation anzukommen, in der ich mich gerade befinde, denn als weiße Frau muss man sich erst einmal behaupten und jeden Tag beweisen, dass man nicht der typische Mzungu ist...
Zurück zur Schule:
Zinduka hat also im Jahr 2004 in Zusammenarbeit mit dem zuständigen „Bürgermeister“ dort einen Chekechea gestartet. Mittlerweile unterrichten wir im 4. Jahr und es hat sich einiges getan. Wir haben das Glück drei Klassenräume der dort vorhandenen Government School für unseren Chekechea zu nutzen. Dies kommt beiden Seiten zum Vorteil, denn wir haben geeignete Klassenräume und die Government School bekommt jedes Jahr rund 50 Kinder, die in die erste Klasse gehen und in unserem Chekechea vorbereitet wurden. Momentan unterrichten wir mit 4 Lehrerinnen. Teacher Rose hat die kleinste Klasse (rund 27 Kinder) und die älteren Schüler, die nach diesem Schuljahr unseren Chekechea verlassen und in die erste Klasse kommen. Die Kinder in Sr. Emmas Klasse sind gemischt, einige vom letzten Jahr, einige Neuankömmlinge. Und ich, ja ich habe die ganzen Neuen bekommen, die ganzen kleinen, süßen Kinder, die eigentlich im Kindergarten sein sollten, hier aber in der „Schule“ sitzen. Ich bin stolze Klassenlehrerin von 42 Kindern und bereue keinen Tag, auch wenn der Anfang wirklich schwer war. Viele der Kleinen sind zum ersten Mal für längere Zeit am Tag von den Eltern getrennt und haben mit mir auch ihre erste Begegnung mit einer weißen Person gemacht. Es wurde viel geweint, gestritten – und – in die Hose gemacht...=) Aber mittlerweile haben die Kinder sich an mich gewöhnt, ich mich an die Kinder und wir sind ein richtig gutes „Team“ geworden. Stets an meiner Seite: eine meiner besten Freundinnen hier: Grace, 19 Jahre, hat vor mir schon hier unterrichtet und ist nun meine Hilfslehrerin.
Anstatt irgendetwas über den Unterricht zu berichten, beschreibe ich lieber mal einen typischen Tagesablauf:
Unter der Woche stehe ich 5.15 Uhr auf, frühstücke und besuche mit den anderen Schwestern den ersten Gottesdienst um 6.30 Uhr. Da die täglichen Gottesdienste von Montag bis Samstag nur eine halbe Stunde dauern, machen wir uns direkt von der Kirche aus auf den Weg zur Schule. Nach einer 5–minütigen Fahrt mit dem Kifodi (auch bekannt als DalaDala) und einem 15-minütigen Fußweg durch das wunderschöne LeMara, erreicht man die Government School – bei gutem Wetter wohlgemerkt. In der Regenzeit verwandeln sich die Lehm – und Erdwege in eine einzige große Schlamm – und Matschlandschaft; es ist wirklich schwer in diesem zähen Schlamm zu laufen und wirklich leicht auszurutschen und hinzufallen – das ist mir leider nicht nur einmal passiert!
Wenn wir uns der Schule nähern, befinden sich die Schüler der Primary meistens in ihrer Assembly. Eine Assembly ist eine Versammlung der Schüler und Lehrer, in der gebetet, gesungen und verschiedene Dinge angekündigt werden. Die Schüler stehen ihren Klassen entsprechend in Reihen und jeden Tag leiten zwei oder mehr Schüler die Assembly. Hier in Tansania hat eigentlich jede Schule morgens ihre Versammlung; die Gestaltung ist natürlich von Schule zu Schule verschieden.
Die Government Primary School hat vier Blöcke mit Klassenräumen, zwei neuere Blöcke und zwei ältere. Zwei Klassenräume von uns befinden sich in einem neueren Block und sind schön groß und hell, außerdem gibt es Fensterscheiben, so dass wir wenigstens etwas vor Kälte und Staub geschützt sind. Der dritte Klassenraum ist Teil eines älteren Blocks, sehr klein, dunkel und aufgrund von fehlenden Fensterscheiben sehr staubig und dreckig. Ich hatte das Glück, dass ich Anfang des Schuljahres von dem kleinen, dunklen Raum in den großen, hellen umziehen konnte. Da ich nun genügend Platz für alle Kinder und Materialien hatte, habe ich sofort alles schön geordnet und angefangen den Raum zu dekorieren: mit Plakaten zum Lernen (z.B. zum kiswahilischen ABC), einer großen und vor allem bunten ABC-Reihe über der Tafel und indem ich etwas für die große Pinnwand gebastelt habe: eine bunte Unterwasserlandschaft mit Wasserpflanzen, Muscheln, Seesternen und 42 Fischen in allen Farben mit den Fotos und Namen der Kinder! Gemeinsam, wie ein Fischschwarm, schwimmen wir in Richtung Bildung!
Durch diese Dinge erinnert der Klassenraum jetzt doch etwas an einen Kindergarten!
Endlich in der Schule angekommen, warten die meisten Kinder schon auf uns, darum wird schnell gefegt und wenn die Schüler der Primary uns helfen auch gewischt (Elektrizität und fließendes Wasser gibt es natürlich nicht, da wird das Flusswasser genommen, ein alter Lappen und mit der Hand gewischt).
Nachdem dies erledigt ist, starten wir mit unserer Assembly. Es wird begrüßt, gebetet und ganz viel gesungen. Danach geht es schnell auf die Toilette und ab in die Klassenräume, wo erst einmal ganz viel Krach gemacht und sich ausgetauscht wird (es ist wirklich interessant die Kinder zu belauschen, wie sie sich untereinander unterhalten). Wenn wir es dann geschafft haben, dass wirklich alle ruhig auf ihren Plätzen sitzen, fange ich meistens an zu unterrichten, in dem erst einmal kontrolliert wird, ob auch alle ihren Bleistift dabei haben (es ist sehr beliebt den Bleistift zu vergessen oder zu verlieren; herrje, wie viele Eltern sind wegen diesem Bleistift-Problem schon in die Schule gekommen, als wenn das meine Schuld wäre...), ob die Kinder sauber sind (keine Selbstverständlichkeit!) oder ob die Schuluniform richtig herum angezogen wurde. Bei diesem morgendlichen „Kontrollgang“ haben wir wirklich viel Spaß, lachen viel und bringen den Kindern gleichzeitig auf leicht verständliche Weise Hygiene bei! (Unsere Uniform ist übrigens dunkelblau (Hose für Jungen, Kleidchen für die Mädchen mit blauem Sweater) und weiß/pink karrierter Bluse bzw. Hemd.)
Danach werden die Hausaufgabenhefte eingesammelt. In meiner Klasse hat jedes Kind vier Hefte: Kiswahili, Englisch, Mathematik und für Hausaufgaben. Die Hefte bleiben in der Schule, außer dem Hausaufgabenheft natürlich. Meistens bekommen sie eine kleine Wiederholungsübung auf, z.B. wenn wir im Unterricht gelernt haben das große A zu schreiben.
Weiter geht es mit Englisch. Sie lernen das ABC, Farben, Zahlen, Begrüßungen, verschiedene Gegenstände auf englisch zu nennen oder leichte Ausdrücke. Wenn sie z.B. zur Toilette möchten, fragen sie „May I go to the toilet?“ usw.
Ich muss sagen, unsere Kleinen sind wirklich intelligent und lernen schnell.
Nach dem der Teil abgeschlossen ist (er dauert meistens 45 Min bis eine Stunde) wird Schreiben gelernt, d.h. in Englisch die großen Buchstaben des ABC. Der Anfang ist wirklich hart, denn die meisten Kinder kommen wirklich ganz unwissend und man muss ihnen erst einmal beibringen wie man den Stift richtig in der Hand hält. Es dauert auch seine Zeit, bis sie fähig sind den ersten Buchstaben wirklich ohne Hilfe zu schreiben, und ohne Erläuterungen wie „Heute lernen wir das große „D“. Diesen Buchstaben schreibt ihr, indem ihr einen Stock malt und einen dicken Bauch hinzufügt“ =) Ja, anfangs nutzen wir solche Erklärungen und man braucht ganz viel Geduld mit den Neuankömmlingen, aber es gibt wirklich nichts Schöneres als zu sehen, dass die Kinder hinterher wirklich ohne Hilfe die Buchstaben schreiben können, dass sie es wirklich durch unsere Hilfe geschafft haben zu schreiben! Das ist für mich ungefähr so, als wenn ein Kind anfängt zu laufen! =) Ich muss ja mal ganz ehrlich sagen, dass ich schon ein wenig stolz auf meine Kinder bin, wenn ich sehe, dass sie das erste Mal ohne meine Hilfe schreiben, auch wenn dies natürlich nur der Anfang ihrer ganzen Schullaufbahn ist...
Können die Kinder die Buchstaben, fangen sie an Worte zu schreiben. Das gleiche gilt für Kiswahili und Mathematik. Erst wird gelernt die Zahlen zu schreiben, zu zählen und dann langsam aber sicher, lernen sie zu rechnen, Addieren bis 10. Ein ganz beliebtes Hilfsmittel beim Rechnen: Die Verschlüsse von Sodaflaschen!
Kiswahili ist so ähnlich wie Englisch. Erst bringen wir ihnen das ABC bei, dann einzelne Worte. Das ABC im Kiswahili besteht aus den gleichen Buchstaben wie dem unserem, doch es gibt nur kleine Buchstaben. Außerdem werden erst die Vokale gelehrt: a e i o u, die die Basis des Kiswahili ABC darstellen und dann mit den Vokalen der Rest des ABC, d.h. sie lernen: a e i o u – ba be bi bo bu – cha che chi cho chu – da de di do du – fa fe fi fo fu - usw. das ganze ABC entlang. Und warum? Ganz einfach, weil ganz viele Worte im Kiswahili aus nur zwei Silben bestehen, z.B. baba (Vater), babu (Großvater), beba (tragen) usw.
Auch wenn die Kinder, für uns ganz ungewohnt, hier richtig in der Schule sitzen, auf Schulbänken, so wie wir sie nur von früher kennen, versuchen wir doch eine gute Mischung aus Unterricht und Spaß hinzubekommen; so wird jeden Tag gesungen und gespielt, und ab und zu auch ein „Kreativ-Tag“ zum Basteln und Malen veranstaltet. Außerdem haben wir dieses Jahr im Mai einen Elterntag organisiert, d.h. wir haben mit den Kindern ein kleines Programm einstudiert: Lieder, Gedichte, Tänze usw. Nach dem Programm, dass von Reden von eingeladenen Gästen (z.B. Schulleiter, Bürgermeister, Bildungsbeauftragter für LeMara) und den Lehrern (Ja, auch von mir) untermalt wurde, gab es eine Art Sportfest. Die Kinder wurden vorher in Gruppen eingeteilt und mussten mehrere Wettkämpfe durchlaufen, z.B. Balancierspiel, Wettlaufen, Wetthüpfen wie ein Hase usw. Für die Besten gab es kleine, nützliche Preise, wie z.B. Hefte, Bleistifte oder Buntstifte. Aber nicht nur für die Besten im Wettkampf, auch für die Besten in der Schule gab es Preise, wenn jemand z.B. sehr ordentlich schreibt, fehlerfrei rechnen kann oder aber wenn er ohne zu Fehlen in der Schule erschienen ist. Es war wirklich ein großartiger Tag für alle: für die Gäste, für die Eltern, für uns Lehrer und vor allem: für die Kinder!
Zurück zum Unterrichte: liegt der erste Teil (unterrichten und hinterher schreiben) hinter uns, ist meistens schon so viel Zeit vergangen, dass es Zeit für die Pause ist. Von 10.00 Uhr bis 10.30 Uhr gehen die Primary Schüler in die Pause und veranstalten draußen so einen Lärm, dass wir unsere Kinder auch nicht mehr in den Klassen halten können und so entschieden wir uns unsere Pausenzeit in die der Primary zu legen. Diese halbe Stunde nutze ich meistens, um die Hausaufgaben „nachzugucken“ und neue zu geben.
Nach der Pause, wenn alle wieder versammelt sind, wird gebetet und dann gibt es Uji; Kiswahili für Porridge - eine Art Haferbrei. Die Kinder lieben es.
Weiter geht es dann entweder mit Mathe oder mit Kiswahili bis um 12.00 Uhr, denn dann sind wir am Ende unseres Schultages (oder besser gesagt Schulvormittages) angelangt. Wir verabschieden die Kinder wieder in der Assembly und nach 100ten „Bye Mwalimu“ (Bye Teacher), laufen sie in alle Richtungen, bis man nur noch die blauen Uniformen erkennen kann. Es wird noch ein wenig aufgeräumt, geputzt und mit den Mamas gequatscht, die kleine Kuchen und Kekse an die Kinder verkaufen und zu Ende ist ein anstrengender, aber sehr schöner und lehrreicher Vormittag!
Wenn es die Zeit und meine Gemütsverfassung zulassen, gehe ich ab und zu noch mit Grace oder Sr. Emma ins Village und mache Hausbesuche bei den Kindern. Sollte das in der Schulzeit nicht klappen, nutzen wir die Ferien. Wir besuchen die Kinder zu Hause, um zu sehen wo sie leben, wie sie leben, um mit den Eltern in Kontakt zu kommen, denn es ist uns ganz wichtig, dass wir eine freundschaftliche Beziehung zu den Eltern aufbauen. Es ist wichtig, dass die Eltern, und auch die Kinder, sehen, dass wir wirklich in die Kinder, ihr Wohlergehen und dem Wohlergehen der ganzen Familie interessiert sind. Außerdem ist es für uns einfacher nachzuvollziehen warum der oder die Probleme hat das ohnehin sehr geringe Schulgeld zu zahlen, wenn wir die Familienverhältnisse kennen. Auch ist es für die Eltern, vor allem für die Mütter, wichtig und hilfreich einfach mal über die Probleme zu Hause sprechen zu können, jemanden von „außen“ zu haben, der einfach nur mal zuhört und Verständnis zeigt. Hinzu kommt, dass wir ganz viel lernen, über die Menschen, die Kultur, die wahren Probleme des Landes...Es gibt so viel das für die Hausbesuche spricht und ich liebe diese Arbeit wirklich.
Das Unterrichten in LeMara war anfangs eine wirkliche Herausforderung für mich, denn es ist nicht leicht vier Stunden am Stück zu stehen, zu reden und die Kleinen bei Laune zu halten, außerdem geschieht alles auf Kiswahili und ich musste mich erst daran gewöhnen. Aber mittlerweile ist das alles kein Problem und ich werde meine Klasse sehr vermissen, denn egal wie viel Lärm sie manchmal auch machen, wie viel Haferbrei verschüttet wird oder wie viel Male sie sich gegenseitig ärgern, man kann ihnen einfach nicht lange böse sein. Sie tragen unheimlich viel Freude, Leben und vor allem Liebe in sich, die sie an ihre Mitmenschen weitergeben. Selbst wenn gestritten und geweint wird, nach 5 Minuten sind sie doch wieder die besten Freunde. Mit ihnen zusammen zu sein bereichert den Tag unheimlich und wir können wirklich viel von diesen kleinen Engeln lernen!!!

Nationalhymne von Tansania

Nationalhymne von Tansania, gesungen von Schulkindern

Rundmail Nr. 5c aus Njiro/Arusha

Fortsetzung Teil 3 von Rundmail 5


HIV / AIDS:

HIV / AIDS, was ist das eigentlich?

Wir sollten alle über dieses Problem aufgeklärt sein und dass sind wir wahrscheinlich auch, doch hier habe ich gemerkt, dass Aufklärung, vor allem über solche Krankheiten, keineswegs selbstverständlich ist. Darum möchte ich ganz kurz ein paar Erklärungen geben, schaden kann es ja nicht: HIV (Human Immunodeficiency Virus) ist der Virus, der AIDS (Acquired Immunodeficiency Syndrome) verursacht. Die HIV Viren schwächen den Körper sehr stark und rufen viele Infektionen hervor, so dass das körpereingene Abwehrsystem zusammenbricht. Ist dieses Stadium erreicht, spricht man davon, dass jemand „AIDS hat“. Der HIV Virus wird zu 80% durch sexuellen Kontakt übertragen, zu 5% während der Geburt (Übertragung von der Mutter zum Kind) und 1% durch den Austausch von HIV-verseuchten Bluttransfusionen.

Allerdings wird dieser Virus NICHT durch alltäglichen Kontakt übertragen, sei es zu Hause, in der Schule oder bei der Arbeit. Selbst eine Umarmung oder die Benutzung der selben Toilette verursacht keine Übertragung! Wahrscheinlich wisst ihr dies alles, aber es schadet nicht, sich dies alles immer und immer wieder vor die Augen zu führen!

Wer wie ich in Tansania oder in einem anderen afrikanischen Land lebt, muss sich ganz automatisch mit der Problematik HIV/AIDS auseinandersetzen. Ich möchte an dieser Stelle keinesfalls behaupten, dass dies allein ein Problem Afrikas ist, nein, ganz im Gegenteil, die ganze Welt ist von dieser Epidemie betroffen, einige Regionen weniger, andere Regionen stärker. Doch Länder Afrikas zählen nun mal zu den letzteren und von daher assoziiert die Gesellschaft „Afrika“ auch gleich mit „AIDS“. Und wenn man hier ist, kann man diese Assoziation nachvollziehen, denn man sieht: es stimmt. AIDS ist, gefolgt von Malaria und Typhus, die größte gesundheitliche Bedrohung des Landes.

In Tansania wurde der erste AIDS-Patient 1983 in der „Kagera Region“ entdeckt. Seitdem versuchen die Regierung und unzählige NGOs (Non Governmental Organisations) die weitere Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen bzw. zu stoppen – durch medizinische Hilfe und, ganz wichtig, durch Aufklärung! Überall wird man mit Plakaten und Hinweisschildern erschlagen, selbst auf den Kifodis (oder DalaDalas, den öffentlichen Transportmitteln) findet man entsprechende Warnhinweise; wenn man in Tansania einreist, bekommt man schon am Flughafen, am Immigration Office, Faltblätter und Informationsbroschüren in die Hand gedrückt. Krankenhäuser oder Institutionen wie das „Uhai Centre“, „Pathfinder“ und wie sie nicht alle heißen, bilden Personen zu einer Art „AIDS-Krankenpfleger“ aus und vergeben Medizin, Handschuhe, Desinfektionsmittel, spezielle Seife und alles, was man zur Pflege von AIDS Patienten braucht – umsonst. Dafür fließen jährlich unzählige Spendergelder ins Land. Diese Wochen haben sich sogar der Präsident des Landes und seine Frau testen lassen, um die Menschen aufzufordern zum Bluttest zu gehen und haben damit wirklich viele Menschen bewegt. Eine Woche lang standen die Menschen Schlange vor den Krankenhäusern und man konnte fast nichts anderes in den Zeitungen und Nachrichten finden als dieses Thema.

Auch wir in Zinduka haben eine unserer Mitarbeiterin zu so einer „AIDS Krankenpflegerin“ über „Pathfinder“ ausbilden lassen und haben unsere „eigene, kleine AIDS Patienten Gruppe“, die wir mit Hilfe von „Pathfinder“ versorgen, regelmäßig besuchen usw. Außerdem haben wir versucht einigen finanziell zu helfen, indem wir sie beim Aufbau eines der „small businesses“ (z.B. Holzkohle günstig kaufen und etwas teurer verkaufen) unterstützt haben; doch, ganz ehrlich, in dem Bereich waren wie mit den Patienten bis jetzt nicht sehr erfolgreich.

Obwohl so viel getan wird, obwohl die Regierung sich sehr zur Bekämpfung der weiteren Ausbreitung von HIV/AIDS einsetzt, obwohl es unzählige NGOs gibt und andere Institutionen, deren Mitarbeiter zum größten Teil freiwillige Arbeit leisten, trotz all dieser Bemühungen sind wir in Tansania noch ganz weit weg von einer Besserung der Situation, es braucht halt ganz einfach Zeit. Es braucht Zeit, bis das Verständnis von AIDS, seinen Auswirkungen und vor allem seiner Verhinderung in den Köpfen der Menschen sitzt, bis die Aufklärung wirklich bei den Menschen ankommt! Sogar eine unserer Mitarbeiterinnen (sie ist relativ neu) hatte keine Ahnung von den Dingen. Als wir über eine AIDS Patientin aus der Nachbarschaft gesprochen haben, die es geschafft hat durch Medikamente wieder einigermaßen fit zu werden und nun gerösteten Mais am Straßenrand verkauft, um wenigstens ein kleines Einkommen zu haben, wurde unsere Mitarbeiterin ganz aufgeregt und sogar nervös, denn erst vor kurzem hat sie Mais von dieser Frau gekauft. Ich war wirklich erschrocken und ein bisschen verärgert, dass eine erwachsene Frau so reagiert und dadurch die AIDS Patientin auch wieder in diese „Außenseiter - Schublade“ steckt, doch ich habe mich zusammengerissen und später ist mir aufgefallen, eigentlich kann sie nichts dafür, dass sie so reagiert hat, denn sie wusste es ganz einfach nicht besser. An solchen Beispielen sieht man, dass wir noch viel an der Aufklärung dieser Dinge arbeiten müssen.

Anfangs hat das Thema HIV/AIDS für mich hier keine große Rolle gespielt, ich hatte irgendwie das Gefühl, dass, was man in den Zeitungen liest, was man im Radio hört, das, was allgemein bekannt ist, scheint für meine Region nicht zuzutreffen, doch langsam, ganz langsam, habe ich doch die großen Ausmaße dieser Krankheit gesehen – man sieht es den Menschen halt nicht an der Nasenspitze an, ob sie AIDS krank sind oder an etwas anderes leiden, dass sie äußerlich geschwächt hat. Manchmal, wenn die Menschen gute Medikamente bekommen und außerdem ausreichend Essen haben (das ist ganz wichtig, damit die „schwere“ Medizin vom Körper verarbeitet werden kann), würde man nie auf den Gedanken kommen, dass dieser oder jener HIV positiv ist oder sogar AIDS hat.

Doch wenn man erst einmal anfängt sich mit der Problematik auseinander zu setzen, lernt man, wie weit die Krankheit sich hier schon ausgebreitet hat. Viele Menschen, die AIDS haben, kannte ich schon vorher, wusste aber nie, dass sie infiziert sind. Viele alleinlebende Frauen, kannte ich schon vorher, wusste aber nie, dass sie Witwen sind, weil ihre Männer an AIDS gestorben sind. Viele Waisenkinder kannte ich schon vorher, wusste aber nie, dass sie AIDS-Waisen sind, d.h. beide Elternteile sind an AIDS gestorben sind. Als ich dies alles nach und nach erfahren habe, musste ich feststellen, wie wahr ein Buch sein kann. Bevor ich nach Tansania ging, habe ich ein wirklich bewegendes Buch über AIDS gelesen: „Ich sterbe aber die Erinnerung lebt!“ Von Hennig Mankell (ein sehr bekanntes Buch und ein sehr bekannter Autor, ich bin mir sicher das ein oder andere Werk von ihm ist euch schon in die Hände gefallen).

Eine wirklich ergreifende Geschichte eines kleinen Mädchens, wie sie die Krankheit ihrer Mutter erlebt und ein wirklich tolles Projekt namens „Erinnerungsbücher“ (das ganze beruht auf wahrer Begebenheit). Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Ort, ich glaube es spielt in Mosambik. Der Autor erzählt davon, dass AIDS ganze Generationen auslöscht – es hinterbleiben die Kinder und die Großeltern, die mittlere Generation stirbt fast aus. Viele Waisenkinder kennen ihre Eltern noch nicht einmal, weil sie so früh gestorben sind. An dieser Stelle setzt das Projekt „Erinnerungsbücher“ an, in denen AIDS kranke Eltern, die nicht mehr lange zu leben haben, für ihre Kinder etwas aus ihrem Leben schreiben, etwas über sich, persönliche Dinge, moralische Wegweiser, Ratschläge fürs Leben, eine kleine Autobiographie untermalt mit Fotos oder einfach nur ein paar liebe Worte für die Kinder; damit die Kinder ihre Eltern nicht vergessen, damit die Kinder zumindest eine kleine Erinnerung an die eigentlich wichtigsten Personen in ihrem Leben haben...

Hier in Tansania musste ich mit Schrecken feststellen, wie wahr dieses Buch ist, wie sehr diese Situation hier eintrifft. Es gibt so viele AIDS Waisen, die ihre Eltern nie kennenlernen durften...Auch unter unseren Aloysia-Children (einmal im Monat organisieren wir von Zinduka einen Spiel und Spaßtag für Waisenkinder; diese Kinder wurden durch die Frauengruppen „zusammengerufen“, d.h. gehören entweder zu den Familien der Gruppen selber oder aber leben in der Nachbarschaft) sind der Großteil AIDS Waisen...

Die AIDS Waisen sind eine traurige Realität, es gibt noch eine andere: um an AIDS zu erkranken, muss man nicht erwachsen sein, das Alter oder die Entwicklung des Körpers spielen keine Rolle, d.h., auch wenn es unglaublich klingt, selbst Kinder erkranken an diesem Virus! Und das nicht gerade selten! Kleine Kinder, Neugeborene, die unschuldigsten Lebewesen überhaupt...Der Virus wird während der Geburt von ihrer Mutter auf sie übertragen! Kann man sich das vorstellen? Diese Ungerechtigkeit? Neugeborene, die gerade das Licht der Welt erblickt haben, müssen für die Fehler ihrer Eltern büßen. Sie haben noch nicht einmal angefangen richtig zu leben und schon weiß man, sie werden nicht lange zu leben haben, bzw. man fragt sich, wird dieses kleine Kind überhaupt einmal sein Leben genießen, wird dieses kleine Kind überhaupt die weiterführende Schule erreichen oder muss es, bevor es überhaupt angefangen hat zu verstehen, dass es krank ist, die Welt schon wieder verlassen? Ich kann mich an diesen Gedanken nicht gewöhnen, es ist so ungerecht, es ist so unfair, es ist so unverständlich, es ist so traurig...Wie kann so etwas geschehen?

Und dies frage ich mich jeden Tag; jeden Tag, wenn ich unsere beiden kleinen Schüler Goodluck und Patrick sehe! Ja, wir in unserem Chekechea haben zwei kleine Jungen, die HIV positiv sind, die sich bei der Geburt infiziert haben. Goodluck ist in Sr. Emmas Klasse, beide Elternteile sind an AIDS gestorben, er ist ein Waise und selber schwer krank. Gott sei Dank hat er einen lieben Onkel, der sich rührend um ihn kümmert und dessen Familie es auch finanziell nicht gerade schlecht geht.

Patrick ist in meiner Klasse, auch seine Mutter ist an AIDS gestorben und hat die Krankheit während seiner Geburt auf ihn übertragen. Der Vater lebt und ist gesund, so wie seine drei älteren Schwestern. Doch bei ihnen sieht es zu Hause finanziell leider ganz schlecht aus. Nach der Schule ist niemand zu Hause, nur seine Oma, die sich selber kaum helfen kann. Die älteren Geschwister sind bis spät am Nachmittag in der Schule und sein Vater arbeitet den ganzen Tag. So war Patrick oftmals den ganzen Tag allein zu Hause und hat bis 17.00 Uhr, bis seine Schwester kam, nichts gegessen – in seiner Situation gesundheitlich wirklich gefährlich, denn wie gesagt, die Medikamente schwächen den Körper sehr stark, vor allem, wenn man nicht ausreichend isst, vor allem bei den Kindern. In der Schule saß er müde und total geschwächt auf der Bank, er hat nicht viel geredet und Hausaufgaben waren so wie so nie erledigt...Seit ungefähr zwei Monaten hat sich das geändert, er ist wie ausgewechselt, er sieht viel gesünder aus, ist ein aufgeweckter kleiner Bursche, redet ohne Pause, macht jeden Tag ordentlich seine Hausaufgaben und beteiligt sich am Unterricht wie kein anderer. Dabei hat sich nur eine Kleinigkeit geändert: jeden Tag nach der Schule bringen wir ihn zu seinem Vater auf die Arbeitsstelle. Dort bekommt er ein richtiges Mittagessen und die Nähe und Fürsorge, die er von seinem Vater braucht. An diesem Beispiel sieht man wie wichtig es ist, dass Kinder jemanden zu Hause haben, der sich um sie kümmert, vor allem wenn sie so krank sind...Er ist nun wirklich zu einem richtigen „Schüler“ geworden und genießt es in der Schule zu sein. Er ist wirklich intelligent. Es genügt, wenn man ihm etwas einmal erklärt; er kann schreiben, er kann rechnen, er spricht das bisschen Englisch, was sie lernen ohne Fehler und ist immer der erste, der an die Tafel will. Wenn ich ihn so sehe frage ich mich wirklich, kann es sein, dass dieses kleine Kind mit seinen gerade mal 4 Jahren wirklich so schwer krank ist? Ich sehe seine Aufgewecktheit, seine Intelligenz, seinen Ergeiz, seine Freude in der Schule zu sein und dann kommen Gedanken wie: Wird er überhaupt die Secondary erreichen? Man kann es nicht verstehen, man kann und will es nicht glauben...Man realisiert es nur, wenn „extreme“ Situationen kommen. Mit extremen Situationen meine ich vor allem die Pausen. Entweder bleibt er in der Klasse, weil er entweder zu müde ist, um zu spielen oder angeblich nicht möchte, oder aber er geht wenigstens an die frische Luft, bleibt aber am Rand des Grasfeldes stehen und sieht den anderen beim Spielen zu. Er hat kaum Freunde, er spielt sehr selten mit den anderen Kindern und zieht sich in den Pausen sehr zurück. Warum? Weil er weiß, dass etwas nicht stimmt mit ihm und weil er denkt, spielen ist nicht gut für ihn. Seine Mutter hatte ein sehr wachsames Auge auf ihn – ein bisschen zu wachsam wie man nun sieht, denn er durfte nie alleine rausgehen, nie mit den anderen rennen oder toben, die Mutter hatte immer Angst er könnte krank werden oder aber hinfallen und bluten. Sie hat ja recht und wollte nur das Beste für ihren Sohn, aber er ist in eine totale Außenseiterrolle geraten, was leider bei vielen HIV-positiven Personen oder AIDS-Patienten der Fall ist. Die Erwachsenen geraten in diese Rolle, weil viele Angst und Vorurteile habe, die Kinder geraten in diese Rolle weil die Eltern sie beschützen wollen. Es ist ein erschütterndes Bild ihn so „abseits“ zu sehen, vor allem weil er in der Klasse so aktiv ist. Langsam, ganz langsam bessert es sich. Ab und zu tut er sich dann doch mal mit seinen Klassenkameraden zusammen und spielt draußen. Natürlich ist es ein Risiko, ja, und ich bin auch ganz schön unruhig, wenn er draußen am spielen ist, denn es kann immer etwas passieren und ich trage als Klassenlehrerin, gerade in seinem Fall, eine große Verantwortung, aber soll der Junge bis er alt genug ist, immer am Rand stehen bleiben? Ganz sicherlich nicht! Und außerdem ist er für sein Alter sehr vernünftig: fällt er doch mal hin, kommt er sofort und sagt es mir, ob er eine Wunde hat oder nicht und bis jetzt ist er nur einmal gestürzt, so dass es nur ein ganz kleines bisschen geblutet hat. Dann wurde der Kratzer gesäubert und ein Pflaster kam drauf, so dass niemand versehentlich damit in Berührung kommt. Fertig. Wie bei allen anderen auch. Ich finde es ist wichtig, dass er, trotz der Krankheit, das Gefühl bekommt ein Teil des Ganzen zu sein, vor allem unter den anderen Kindern, und es tut unheimlich gut ihn ausgelassen und fröhlich zu sehen!

Diese Schicksale haben mir noch intensiver vor Augen gebracht, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir (mehr oder weniger) gesund sind. Gesundheit ist doch mit das größte Geschenk, das wir bekommen können! Hier habe ich gesehen, wie schnell das Leben vorbei sein kann, hier habe ich gesehen, dass das Leben vieler unschuldiger Kinder von einer Krankheit geprägt ist, mit der sie nicht lange leben werden. Wir sollten für jeden einzelnen Tag wirklich von ganzem Herzen dankbar sein. Auch wenn wir uns gerade in negativen Zeiten befinden, wenn alles einfach nur dunkel und aussichtslos erscheint, ohne Hoffnung, ohne auch nur einen Lichtstrahl, so sollten wir trotzdem versuchen überall das Positive zu sehen. Vielleicht können wir damit anfangen zu danken, dass wir ein weiteres Mal morgens gesund aufgewacht sind, dass wir ein weiteres Mal die Chance bekommen haben unser Leben fortzuführen!

Meine lieben Leser,

ihr seid am Schluss meiner Rundmail angekommen und ich bedanke mich für eure Geduld. Ich weiß, ich mache es euch nicht gerade leicht mit meinen langen Berichten, aber ich habe einfach ein ganz großes Mitteilungsbedürfnis, ein ganz großes Verlangen meine Erlebnisse und das, was ich gelernt habe, mit euch zu teilen. Ich hoffe meine Bemühungen lohnen sich und ich kann euch durch meine Berichte ein wenig die Augen und vor allem das Herz öffnen...

Da meine Zeit wirklich immer knapper wird, mir aber noch eine wichtige Mail im Kopf herumschwebt, die ich noch vor meiner Reflexion des Jahres schreiben möchte, wird die sechste Rundmail über mein Leben hier in Tansania wohl aus Deutschland kommen. Das spielt aber keine Rolle, denn der Inhalt wird der gleiche sein, sei es ich schicke die Mail von hier aus oder von Deutschland aus ab.

Ich mache an dieser Stelle nun Schluss und wünsche euch noch ein paar tolle Sonnentage und hoffe die Sommerzeit hält sich bis zu meiner Rückkehr.

Die allerliebsten Grüße, eure Katrin